Ein Plädoyer fürs Tagträumen von Rüdiger Barth
Januar 11, 2012 in Daily Abgefahrenes, Literatur, Reisen, Sport, Thoughts and Foughts, Trends, Wissenschaft
… Dank an Sascha Weyermann für diesen interessanten Beitrag zum Thema Arbeit, Freizeit, Leistungsdruck, allgemein unsere Lebenszeit und was wir aus ihr machen und damit anfangen.
Viele von uns hängen sich mit einer solchen Leidenschaft in ihren Job, dass sie gar nicht mehr wissen, wie sich Erholung anfühlt, wie stiller Genuss. Sie denken, sie seien frei wie nie, dabei sitzen sie in der FALLE DER MODERNE.
Die Falle ist raffiniert. Wer Menschen dazu bringen wolle, ein Schiff zu bauen, sagte der Schriftsteller Antonie de Saint Exupery, der gebe ihnen nicht etwa den Befehl, Bäume zu fällen, und drücke ihnen Säge und Hammer in die Hand. Der lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.
Und da sind wir nun, auf unserem weiten, endlosen Meer. Wir sind stolz auf das Schiff, das wir bauten, auch wenn es kein Segler geworden ist, sondern eine Galeere. Den Takt der Trommel hören nur wir, wir lächeln dazu, denn das Rudern macht Spaß, und wir kommen gut voran.
Sehnsucht ist ein starker Antrieb. Psychologen sprechen von „intrinsischer Motivation”, die sich speist aus der Lust an Herausforderungen. Trainer im Profisport suchen gezielt Athleten, die dieses innere Feuer haben, die von sich aus anstreben, Grenzen zu überwinden, die ihnen gesetzt scheinen. Solche Menschen brauchen keine Peitsche und kein Preisgeld, die brauchen nur ab und zu ein Lob.
Die Arbeitgeber des 21. Jahrhunderts lieben das. Kluge Chefs vertrauen ihren Mitarbeitern keine Stempelkarte mehr an, sondern Verantwortung. Sie wissen, dass sie uns nur ein Höchstmaß an Freiheit gewähren müssen, um uns zur höchsten Leistung anzuspornen. Genug Zwang üben schon die anderen freien Geister aus. Überall Menschen, die in der U-Bahn Deals abschließen, die im Urlaub ihre Mails abrufen, die das Handy nachts neben dem Bett liegen haben. Smartphones haben keine Leine, aber sie sind die Ketten der neuen Zeit.
Was vor Jahren ein großes Versprechen schien, als reizvolles neues Lebensmodell, das Horizonte öffnen würde, ist Alltag: Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben sind verwischt Statt von acht bis zum Feierabend um fünf Uhr im Büro zu sitzen, dürfen auch Angestellte von zu Hause aus arbeiten oder im Kaffee und am Strand Einfälle ausbrüten. Wir alle, die solche entgrenzten Jobs haben, fühlen uns unerhört frei, und wir rudern, rudern. Dabei merken wir gar nicht, was wir aufgeben.









